Armut als Problem der Verhandlungsmacht

Ein sehr großes Problem der Armut ist die sehr geringe Verhandlungsmacht.

Dieses Problem kommt auch immer dann zum Tragen, wenn in wohlhabenderen Ländern versucht wird Armut mit dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu halten. Hier werden die Armen gegen die Ärmsten ausgespielt. Es heißt: „Friss oder stirb.“

Abermals kann die Grenznutzenfunktion als eine Erklärungs­grundlage herangezogen werden. Je geringer das Einkommen ist, sprich umso ärmer man ist, um so größer ist der Grenznutzen einer zusätzlichen Einkommenseinheit. Für jeden wird der Gewinn solange maximiert, wie der Grenznutzen höher ist, als die Grenzkosten. Je ärmer man ist, umso existenz­gefährdender ist der Verzicht auf zusätzliches Einkommen und umso höhere Unkosten in Form von Risiken, Komfort- und Gesundheitseinbußen sowie von Arbeitsleistung ist man bereit für 1 € auf sich zu nehmen.

Es kann leicht mit dem Verkauf von Wasser verglichen werden. Wenn sie in einer Stadt Wasser verkaufen, wird der Kunde nur einen geringen Preis zu zahlen bereit sein. Ist der Preis zu hoch, geht der Kunde zur Konkurrenz. Wenn sie aber in der Wüste einen halb Verdursteten finden, der 2 000 € bei sich trägt, dann wird er ihnen diese bereitwillig für 100 ml Wasser geben, weil er die Wahl zwischen dem Verzicht auf 2 000 € oder seinem Leben hat. Man kann sich nun vorstellen, dass es schwierig ist, mit dem Verkauf von Wasser in einer Stadt reich zu werden. Ebenso wird man nicht reich, wenn man in der Wüste auf Menschen wartet, die sich ohne ausreichend Proviant verirrt haben. Um richtig reich zu werden, müsste man ein System schaffen, in denen viele in der Wüste ohne Wasser abgesetzt werden – dann wird man reich, weil die Armen werden einem alles geben, wenn kein Geld, dann eben Arbeitsleitung. Ein solches System des „freiwilligen“ Zwanges haben wir geschaffen, in dem wird für Chancenungleichheit sorgen und denen, denen wir die Chance auf Wasser vorenthalten, wohlwollend zulächeln: „dann strengt euch mal an.“

Die Verhandlungsmacht ist nahezu null – es bliebe nur Revolution – denn eine echte Wahl gibt es nicht. Indirekt wird innerhalb des ärmeren Teils der Gesellschaft jeder gegen jeden ausgespielt. Wenn einer gegen das System aufbegehrt, wird ihm seine Existenz­grundlage, und damit das Recht auf Leben entzogen, weil ein anderer allzu gerne bereitwillig für den geringen Nutzen die enormen Unkosten akzeptiert.

Aber auch durch einen anderen Effekt wird die Verhandlungs­macht ausgehebelt, denn jemand der morgens nicht weiß wie er bis zum Abend überleben und halbwegs satt werden soll, hat andere Sorgen als für seine Rechte zu kämpfen oder auch nur darüber nachzudenken, das er etwas an seiner Situation überdenken und nachverhandeln soll. Er kämpft jeden Tag aufs Neue den aufzehrenden Kampf gegen den Hungertod und dabei tritt er als unerbittlicher Konkurrent gegen jene an, die etwas weniger arm sind und zerstört jenen somit jede Grundlage zu einer Verhandlung, um deren Situation zu verbessern. Die Römer und Ägypter waren so ehrlich und haben Sklaven, die sich gegen systematische Ausbeutung erhoben haben, getötet. Wir lassen sie sterben und sagen, das sei die effizienzfördernde Macht des Kapitalismus gegen die man nichts tun dürfte, und schließlich ist es ja auch deren eigene Wahl, dass sie gestorben sind – hätten sie sich doch einfach einmal angestrengt und etwas besonderes getan, gelernt, Technologien weiter entwickelt. Aber nein, dieses Recht haben wir ihnen vorenthalten, denn ansonsten hätte sich die effizienzsteigernde Macht des Kapitalismus gegen uns gewendet, und dann wären unsere gut bezahlten Arbeitsplätze bedroht – und das wäre schlicht unfair, denn wir sind reich!

Würde man nun als kleines Kind einer armen Familie den Entschluss fassen alles zu tun, um dem Schicksal der Familie zu entgehen, dann wird allzu oft die Verhandlungsmacht bereits hier gebrochen, weil man dazu verpflichtet wird für sein eigenes Überleben einzustehen, und man muss darauf verzichten, seine Potenziale zu nutzen und sich, wie im kapitalistischen System angedacht, eine Verhandlungsmacht zu schaffen. Auf diese Weise sorgt die geringe Verhandlungsmacht dafür, dass die Chancen­un­gleich­heit selbstverstärkend ist.

Dieses Extrem ist vor allem bei extremer Armut stark ausgeprägt und hier sind es vor allem die Sorgen eines jeden einzelnen, die dafür verantwortlich sind, dass es nicht zu einem kollektiven Aufstand kommt. Je weniger arm die Menschen sind, umso eher ist sie bereit über ihr Schicksal nachzudenken, und dieses nicht hinzunehmen und sich mit Gleichgesinnten zusammen zu tun. Hierfür gibt es einige Faktoren, die wichtig sind, damit die Situation stabil bleiben kann. Es muss das Bewusstsein bestehen, dass es eine breite Masse gibt, die sich in einer vergleichbaren Situation befindet und dies für eine lange Zeit, sodass es als normal angesehen wird. Rutscht dagegen ein Kollektiv, das sich durch einige Eigenschaften abgrenzen lässt, gemeinsam wirtschaftlich ab, entsteht viel eher ein Anreiz aufständig zu werden – weil es nicht mehr normal ist.

Ferner ist es wichtig, dass ärmere Gruppen den Blick nicht zu sehr nach oben richten und es ungerecht finden, nicht reicher zu sein. Vielmehr sollte – im Sinne der Reichen – der Ärmere den Blick nach unten richten und hier sehen, dass von den Reichen eine Wand für sie errichtet worden ist, die sie davor bewahrt weiter abzusteigen.

Die Angst wiederum, dass dies geschehen könnte, wenn jemand zu sehr aufbegehrt, muss aber bestehen bleiben. Angst ist sehr wichtig im System. Angst genug damit nicht aufbegehrt wird und nicht zu viel Angst, damit es nicht zur Panik und daraus zu einem Aufstand kommt.

Angst ist letztlich das, das die Verhandlungsmacht herunter setzt – denn wo kein Kläger, da kein Angeklagter.

Werbeanzeigen