Blickwinkel der Verantwortung

Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht zwangsläufig etwas für andere zu tun. Es bedeutet vielmehr sein eigenes Handeln verantwortungsvoll zu gestalten, sodass dadurch kein anderer Schaden nimmt. Es wäre zwar durchaus vertretbar es auf erste Weise zu betrachten. Doch vielleicht verleiten uns beide Denkweisen dazu, dass wir die gleiche Problematik unterschiedlich verinnerlichen. Die erste Interpretation versteht uns als edle Samariter, die nur an andere denken sollten. Während dessen bedeutet Verantwortung aus der Sicht der zweiten Formulierung, dass wir keine rücksichtslosen Aggressoren und Täter sein sollten. Obgleich die erste Darstellung glorreich wäre und für eine soziale Gesellschaft sprechen würde, sollten wir uns zunächst dennoch der Realität widmen und das nötige und vor allem dringend erforderliche Verständnis von Verantwortung in unser Denken als Gesellschaft aufnehmen.

Bezeichnen wir also Verantwortung als das, dass unsere Handlungen niemand anderen schädigen oder benachteiligen dürfen. Aber was bedeutet es, einen anderen zu schädigen? Vieles, das offensichtlich ist, braucht von uns nicht als Verantwortungsgefühl verstanden zu werden, weil es schlicht verboten ist. Wir dürfen niemanden töten, ihn nicht schlagen und ihm seinen Besitz nicht wegnehmen. Es gibt Menschen, die halten sich an das Gesetz, weil es Gesetz ist, andere handeln entsprechend ihrem Verantwortungsgefühl und würden auch ohne solche Gesetze entsprechend handeln. Aber diese Gesetze oder vielmehr die Verbote betreffen das Unterlassen einer Handlung. Folglich kann dies nicht vollständig die Verantwortung unseres Handelns meinen, weil es von uns nur die Nichthandlung verlangt. Es wäre naiv anzunehmen, dass jede Handlung, die erlaubt ist, frei von Verantwortung wäre. Versuchen wir also die Schädigung eines anderen umfassender zu begreifen, als es das Gesetz als Wahrung von Mindeststandards, vorsieht. Es ist nicht immer leicht den Schaden nachzuempfinden und altruistisches Denken kann nicht vorausgesetzt werden. Deshalb nehmen wir die leichtere und egoistische Denkweise und fragen uns, was es für uns darstellt Schaden zugefügt zu bekommen. Ich vermute, wir dürften uns schnell darüber einig sein, was das bedeutet. Schaden wird einem dann zugefügt, wenn man etwas weggenommen bekommt. Aber was kann das alles sein? Klar Nahrung und Energie. Aber auch Lebensqualität, Gesundheit oder aber Freiheit. Haben sie schon einmal jemandem Schaden zugefügt, in dem sie ihn vergiftet haben? Wenn sie das verneinen, denken sie vermutlich an einen Mord wie in einem Krimi. Schnell ein paar Tropfen Gift ins Glas schütten, wenn keiner es sieht. Das meinte ich aber nicht mit vergiften, wobei es mit dem Nicht-sehen schon sehr nah heran kommt. Unsere Vergiftungen sind meist nicht gezielt und oftmals wissen wir nicht einmal davon – wir sehen es nicht, wir fühlen es nicht und meist gibt es keinen, der sich beklagt. Vor allem der Geschädigte weiß und/oder merkt es nicht, dass er vergiftet wird. Tag für Tag steigt Uran und Arsen aus den Kohlekraftwerken in unsere Atemluft empor. Pestizide und Fassadenschutzmittel gelangen ungesehen in den Wasserkreislauf. Abgase unserer Autos verpesten nicht nur die Umwelt, sondern vor allem uns selbst.

Und genau darum geht es bei der Verantwortung, die uns obliegt. Fast jede unserer Handlungen birgt das Potenzial jemanden oder gar uns selbst zu schädigen. Der größte Teil unseres Konsums ist so, dass einem anderen die Möglichkeit genommen wird, es zu konsumieren. Es wird kaum möglich sein, zu Handeln ohne Schaden zuzufügen. Aber es gibt bei unseren Handlungen stets Alternativen und im schlimmsten Fall ist der Verzicht der Handlung auch eine Alternative.

Damit wir verantwortungsbewusst handeln können ist es unabdingbar, dass wir die Schadenswirkung unserer Handlungen wahrnehmen und uns ihrer bewusst sind. Wer nicht weiß, welche Konsequenz sein Handeln für sich, die anderen und die Umwelt hat, kann trotz gesellschaftlichen Denkens nicht verantwortungsvoll sein und er wird auch nicht die Verantwortung übernehmen, die jedem einzelnen obliegt. Verantwortung ist nicht, was andere tun oder nicht tun. Verantwortung ist das, was der Einzelne tut. Wer unbewusst lebt, lebt verantwortungslos.

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Liste – was kann ich tun

Privat

  • Aufladbare Batterien kaufen und verwenden (außer in Uhren, dort ist die Selbstentladung dieser Batterien zu groß und würden ihren Unmut, diese zu nutzen unnötig erhöhen)
  • Fleisch an der Theke, und nicht im Styropor oder Plastik kaufen
  • Recyceltes Papier nutzen / einseitig bedrucktes Papier als Schmierpapier verwenden
  • Briefumschläge ohne Plastikfenster nutzen. Ansonsten erschwert dies das Recycling und es reduziert die erreichbare Qualität
  • Falls vorhanden, schalten sie die Lüftungsanlage ab, wenn die Außentemperatur über 15 °C liegt. Sie verschwendet dann nur noch Strom
  • Leitungswasser trinken anstelle von in Plastikflaschen herbei geschleppes Wasser, das mit Weichmachern angereichert ist. Wir betreiben einen irrwitzigen Aufwand, damit Trinkwasser aus dem Wasserhahn kommt, nur damit es nicht getrunken wird
  • Einen Deckel auf den Topf legen reduziert den Strombedarf um 6% und wahrscheinlich drehen sie die Herdplatte kleiner, weil sie nur dabei sind Wasser zu verdampfen, anstelle Wasser bei circa 100°C zu halten. Wenn ein Gramm Wasser verdunstet, dann entzieht dies dem Wasser so viel Wärme, als würden sie fünf Gramm Wasser von 0°C auf 100°C erwärmen
  • Kaufen sie Qualität statt Quantität; Füllfeder oder Austauschminen statt Wegwerfkugelschreiber
  • kaufen sie bevorzugt von Marken, die nicht an Tieren testen. Das Internet bietet unzählige Möglichkeiten, sich zu informieren.
  • Reagieren sie auf Meldungen aus den Medien. Verursacht ein Tanker eines Ölkonzerns einen Umweltschaden oder ist ein Bohrloch nicht dicht, meiden sie die belieferten Tankstellen – auch wenn es nur kurzfristig ist und andere Tankstellen nicht wirklich besser sind – die Botschaft wird unmissverständlich sein. Wenn ein Markenname genannt wird, wenn eine Kleiderfabrik einstürzt, kaufen sie – auch wenn nur kurzfristig – woanders ihre Kleider. Es muss eine Reaktion geben, ansonsten sind wir mitschuldig
  • Nahrungsmittel auch dann kaufen, wenn sie einen optischen Makel haben. Eingedrückte Verpackungen schädigen nicht zwangsläufig den Inhalt. Äpfel ohne eine ebenmäßige Oberfläche sind immer noch Äpfel. Wer „perfektes Aussehen“ von Obst und Gemüse verlangt, hat von Nahrung keine Ahnung und sollte dringend aus seiner Scheinwelt einmal in die frische Luft. Wenn wir wegsehen, wenn wir einen optischen Mangel erblicken, sorgen wir dafür, dass es weggeschmissen wird. Nicht der Supermarktbetreiber schmeißt Lebensmittel weg – das tut ausschließlich der Käufer!
  • Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Maximalhaltbarkeitsdatum, und Lebensmittel die dieses erst genannte Datum überschritten haben, gehören nicht zwangsläufig in den Müll. Vieles davon könnte gar noch Jahre danach unbedenklich verspeist werden

Unternehmen

  • Austausch der Papierspender im Sanitärbereich gegen Lufttrockner zum Händetrocknen
  • kein fließend Warmwasser zum Händewaschen; Komfortansprüche überdenken
  • Beschwerden über zu kühle Raumtemperaturen ignorieren, wenn derjenige, der sich beschwert nicht angemessen gekleidet ist, ggf. diesen zurecht weisen. Viele Techniker handeln nicht im Interesse des Unternehmens, sondern werden durch die Beschwerden getrieben, irrwitzige Forderungen zu erfüllen, die entgegen der Vernunft sind
  • Organisieren sie interne Seminare, in denen sie die Belegschaft sensibilisieren und motivieren
  • Kommunikation des jährlichen Energieverbrauchs an die Belegschaft und die Öffentlichkeit mit Dokumentation der Entwicklung

Gemeinden

  • Auffangbehälter für Regenwasser neben Schulen oder anderen großen Gebäuden zur Abdeckung der dezentralen Bewässerung von öffentlichen Grünanlagen
  • Aufstellen von öffentlichen „Mülleimern“, die geeignet sind Müll zu trennen
    • Zur Sensibilisierung
    • Reduktion des individuellen Aufwandes verantwortungsbewusst zu handeln
  • Veröffentlichen des aktuellen und historischen Energieverbrauchs aller Gebäude zur Sensibilisierung
  • Gesonderte Abfuhr der Biomasse inklusive Rasenschnitt zur Nutzung in gemeinschaftlichen Biogasanlagen mit Verpflichtung der Landwirte zur Bereitstellung der Gülle
  • Ausschreibung des Heckenschnitts längst Straßen und Wegen an Landwirte und anschließende Aufbereitung des Schnittgutes
  • Organisation von individuellen Wanderungen der Gemeinschaft an definierten Strecken wie Fahrradwegen, oder Landstraßen an autofreien Sonntagen zur individuellen Müllaufsammlung und organisierten Abfuhr
    • Steigerung des Gemeinschaftsgefühls
    • Gesteigerte Wahrnehmung der Bedeutung der eigenen Handlung
    • Vereinfachung der freiwilligen Übernahme von Verantwortung
    • Gesteigertes Bewusstsein der Umweltverschmutzung
    • Möglichkeit zum vereinfachten Erlangen von subjektivem Nutzen
    • Gesteigerte soziale Druck gegen Umweltverschmutzung
    • Verdeutlichung des Unsinns der „einer-alleine-kann-nichts-ändern-Mentalität“

Die Macht des Konsums

Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Die erste und wichtigste Grundregel lautet „Geld regiert die Welt“. Jeder, der die Welt beeinflussen möchte und gegen diese Grundregel verstößt, verstößt gegen unser System und ist zum Scheitern verurteilt.
Bis heute haben die Menschen kein System gefunden, das ihren Bedürfnissen, Vorstellungen und inneren Trieben so nahe kommt, wie dieses System. Mit von Individuen gezahlten Steuern in einen gemeinsamen Topf ermöglicht sich die Gesellschaft, mit dem Staat als ihren Repräsentanten idealerweise für Chancengleichheit zu sorgen und all jene Bedürfnisse zu erfüllen, die nicht durch die freie Marktwirtschaft abgedeckt werden können. Dessen, dass es hierbei Diskrepanzen zwischen dem eigentlichen Ziel des Staates und der Realität gibt, bin ich mir durchaus bewusst. Das ist allerdings nicht Thema dieses Textes.
Wenn Geld also die Welt regiert, so besitzt jeder, der über Geld verfügt auch Macht. Damit einher geht Verantwortung. Jedes Mal wenn wir uns entscheiden Geld auszugeben, üben wir Macht aus. Zu behaupten, dass diese Macht unbedeutend klein ist, kommt es der Aussage gleich, dass Demokratie bedeutungslos ist, weil auch bei einer Landeswahl ist die einzelne Stimmabgabe absolut wirkungslos.
Dabei ist die Macht des Geldes allgegenwärtig. Dazu reicht ein Besuch in einen Supermarkt. Ein Blick durch die Regale lässt erkennen, was wir durch unsere Macht erreichen. Das was dort steht, ist das, was wir wollen. Auch wenn wir uns im Vorbeigehen manchmal wundern und uns die Frage stellen, wer so ein Zeug kauft – es wird gekauft, sonst stünde es nicht dort. Genau das stellt die Macht dar, die sich aus unserem Konsum ergibt. Zwar können die Industrie durch Marketing und der Supermarkt durch seine Auswahl einen nicht unbedeutenden Einfluss nehmen, aber die Entscheidung liegt bei uns. Schwindet das Interesse für ein Produkt wird der Supermarktbetreiber gehörig dem Diktat der Konsumenten folgen und es aus dem Sortiment entfernen. Das ist das oberste Gesetz des Kapitalismus und es ist unanfechtbar und es grenzt den Kapitalismus von der Planwirtschaft ab, wo es dieses Gesetz nicht gibt.
Dabei ist es jetzt wichtig, dass die Macht richtig verstanden wird, denn so wie ich es hier beschrieben habe, beschränkt sich diese auf ein Vetorecht mit dem wir im Supermarkt einen Artikel aus dem Angebot entfernen können. Prinzipiell gibt es aber keinen direkten Mechanismus um neue Artikel gezielt zu wählen. Leerstellen im Regal werden nach Gutdünken des Supermarktbetreibers (und dem Angebot der produzierenden Unternehmen) gefüllt, woraufhin der Kunde erneut das Vetorecht genießt. Das bedeutet, dass die Angebotsseite Artikel vorschlägt und der Käufer anschließend wählen kann.
Die Unternehmen produzieren das, was sie können und wollen und von dem sie ausgehen, dass es gekauft wird. Darin enthalten ist nicht zwangsläufig das, was der Kunde haben möchte. Und dabei werden die Unternehmen es so produzieren, wie sie es möchten ohne dadurch den Kauf zu gefährden. Das bedeutet, dass es dem Unternehmen völlig gleichgültig sein kann, ob bei der Produktion gegen Menschen- oder Tierrechte verstoßen wird, ob die Umwelt belastet wird oder ob Schadstoffe im Produkt enthalten sind – solange der Kunde seine Produkte kauft und von seinem Vetorecht keinen Gebrauch macht. Durch geschicktes Marketing können Unternehmen den Spieß sogar umdrehen und dem Kunden den Wunsch aufdrängen etwas haben zu wollen. Der unmündige Konsument ist dazu gern bereit, weil es ihm damit erspart bleibt sich für eine Entscheidung zu rechtfertigen und Verantwortung zu übernehmen. Damit verpufft die Macht des Geldes beim Konsumenten.
Zu sagen was man möchte, kann im Rahmen von Marktanalysen dazu führen, dass neue Produkte geschaffen werden, die den Wünschen der Kunden entsprechen. Dies schafft aber nur einen kurzfristigen und oftmals schwachen Reiz, um die Produktion im großen Still umzustellen. Dies vermag einzig und allein die Macht das Geldes, indem diese neuen Produkte gekauft werden, und die gesteigerte wahrgenommene und wertgeschätzte Qualität honoriert wird, und andere nicht gekauft werden. Frei nach dem Motto: bestrafe den Bösen, belohne den Guten. Wenn wir wollen, dass die Näherinnen unserer Kleider nicht am Arbeitsplatz verbrennen, dann dürfen wir die Kleider der entsprechenden in den Medien kursierenden Unternehmen nicht kaufen. Kaufen wir sie doch, dann wollen wir, dass die Näherinnen verbrennen. Wollen wir nicht, dass unser Treibstoff in verrosteten Öltankern antransportiert wird, dürfen wir nach einem Tankerunglück oder einem undichten Ventil am Meeresgrund nicht bei den entsprechenden Tankstellen tanken. Ansonsten sind wir Mittäter, denn was auch immer zum Kauf angeboten wird, es ist nur das, was wir wollen. Das ist die Macht des Geldes und das oberste Gesetz unserer kapitalistischen Welt. Die Welt ist so, wie wir sie haben wollen, denn jeder Euro, Dollar oder Yen ist ein Vetorecht, ob wir dieses nutzen wollen, liegt einzig und allein bei uns. Geld bedeutet Macht und damit auch Verantwortung.

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rücksichtslose Fahrkultur

Wenn wir uns die Situation auf unseren Straßen anschauen, dann spiegelt sich darin viel von unserem Verhalten als Gesellschaft wieder. Es ist eine Form eines geduldeten zivilisierten Krieges mit klaren Regeln und eines individuell gesteuerten Triebes, als erster ankommen zu wollen.

Wir beklagen, dass es zu viel Verkehrsaufkommen gibt, längst nicht mehr nur zu Stoßzeiten. Stau, Unfälle und Verkehrstode sind die Folge.

Wenn wir uns bewusst werden, dass das Errichten und Unterhalten unseres Straßennetzes ein gemeinschaftliches Projekt unserer Gesellschaft ist, mit dem Staat als unser Repräsentant, wirkt es etwas bizarr, dass flüssiger Verkehr allzu oft dadurch scheitert, dass es an gesellschaftlichem Handeln oder ebensolcher Verantwortung mangelt. Dabei meine ich nicht, dass es an Regeln mangelt. Will man das Problem ergründen, sollte man auch nicht lapidar behaupten, es läge daran, dass die Regeln nicht befolgt werden. Klar, das ist eine Tatsache, aber ich bin der Auffassung, dass es nicht das Problem, sondern vielmehr ein Symptom für die eigentlichen Probleme darstellt.

Das bewusste, und auch das unbewusste Missachten von Regeln, ob nun Gesetz oder Konsens (ungeschriebenes Gesetz), ist für mich eine Frage der Einstellung eines jeden Individuums und in der Summe auch eine Frage der Fahrkultur auf der Ebene der Gesellschaft. Doch warum fahren wir, wie wir fahren? Und wie reagieren wir oder vielmehr der Staat auf augenscheinliche Probleme und was können wir daraus über das Verständnis des Staates schließen?

Solange der Mensch Handlungen durchführt, wird es auch Unfälle geben. Das gilt uneingeschränkt auch für das Autofahren. Trotz aller Regeln und selbst, wenn sie alle mit Überzeugung befolgt würden, gäbe es noch Unfälle. Es gibt Unfälle, die passieren aufgrund von Leichtsinnigkeit, sei es Ungeduld, Stress oder Übermütigkeit. Und nicht zuletzt gibt es fahrlässig ausgelöste Unfälle, die meistens sehr eng mit Regelverstoß zusammenhängen.

Davon unabhängig gibt es ungünstige Straßenführungen, die alle anderen Unfallursachen begünstigen. Seien es rechtwinklig zu viel befahrenden Hauptstraße mündende Autobahnausfahrten oder Kreuzungen in unübersichtlichen Zonen.

Jeder Autofahrer dürfte wohl Straßenbereiche kennen, die besonders unfallträchtig sind. Es gibt nicht wenige Menschen, die entwickeln bewusst oder unbewusst Lieblingsstrecken, indem sie solche Bereiche meiden, weil sie möglicherweise selbst heikle Situationen dort erlebt hatten und diese Beinaheunfälle nicht wiederholt haben wissen.

Wenn zu beobachten ist, dass an einer Stelle gehäuft Unfälle geschehen, dann folgt oft, dass die Verkehrsschilder so geändert werden, dass die Maximalgeschwindigkeit reduziert wird. Das klingt zunächst auch einleuchtend, weil je langsamer man fährt, umso eher kann man reagieren, um einen Unfall zu vermeiden. Was ist aber an den Stellen, wo beispielsweise Tempo 90 erlaubt ist und Unfälle passieren, wo der Unfallverursacher mit 120 km/h unterwegs war oder er mit 140 km/h gegen einen Baum gerannt ist? An solchen an und für sich ungefährlichen Strecken wird dann trotzdem gerne versucht mit Tempo‑70-Schildern den Unfällen entgegen zu wirken. Erstaunlich, dass es beim Staat Menschen gibt, die glauben, dass man das Nichtbefolgen von Gesetzen dadurch behebt, dass man Gesetze ändert und Bewegungseinschränkungen einführt, die keine Relevanz haben. Im Prinzip wird dieses nicht sinnvolle Tempo‑70-Schild zwei Konsequenzen haben, die meist ignoriert werden, weil sie nicht messbar sind. Es wird Fahrer geben, die sich an die neue Tempolimitierung halten werden, obwohl es dazu keine Begründung gibt. Dadurch werden Raser, aber auch vernunftgesteuerte Menschen bei der Fortbewegung behindert. Sie fühlen sich – zurecht – belästigt und ausgebremst und es liegt in der Natur des Menschen darauf mit einem gewissen Maß an Aggression zu reagieren und einen Stressfaktor in den Verkehr einfließen zu lassen, der unnötig ist. Das Gefühl, dass Krieg auf den Straßen herrscht wird verstärkt und das allgemeine Unfallrisiko auch anderenorts erhöht. In meinen Augen ist aber die zweite Konsequenz umso dramatischer. Dadurch, dass die Tempolimitierung unter ein Maß abgesenkt wird, das für die Verkehrssicherheit sinnvoll ist, wird die Regel als einen staatlichen Zwang empfunden, der nicht damit vereinbar ist, dass die Gesetze dazu da sind gesellschaftliche Interessen zu schützen. Fatal ist, dass dadurch die Warnwirkung von Verkehrszeichen verloren geht und das Befolgen der Verkehrszeichen auf einen Selbstzweck reduziert wird. Die normale Reaktion, wenn man eine Tempobeschränkung bemerkt müsste sein: Achtung, bitte fahr vorsichtig, es kommt eine unübersichtliche Biegung, Kreuzung oder Ausfahrt und es ist sinnvoll das Tempo zu reduzieren. Stattdessen degradiert sich durch das leichtfertige Setzen von Verkehrszeichen deren Botschaft auf: Achtung, wenn du jetzt nicht bremst, dann kann die Polizei dich abzocken. Dadurch wird dem Befolgen von Verkehrszeichen ein monetärer Wert zugesprochen, der dem Erwartungswert der Bestrafung entspricht. Dieser ist nicht das Bußgeld, sondern das Produkt aus Bußgeld und der Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden.

Die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden hängt davon ab, wie oft kontrolliert wird. Bei Einheimischen sind die Abzockstellen der Polizei bekannt, sodass die Hemmschwelle sinkt, an anderen Stellen zu schnell zu fahren. Zudem ist es kein gesellschaftliches Interesse sich prinzipiell an Verkehrsschilder zu halten. Das Hauptinteresse gilt dem Vermeiden von Strafgebühren. Deshalb solidarisiert sich die Gesellschaft gegen den Staatsapparat und warnt den Gegenverkehr, wenn Polizeikontrollen entdeckt worden sind. Radiostationen und Internetportale werden fleißig mit den Kontrollstellen gefüttert. Auch wenn die Polizei inzwischen aus der Not eine Tugend macht und aus eigener Initiative ihre Kontrollen offiziell ankündigt, um zu zeigen, wie präsent sie ist und dadurch die empfundene Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, steigern möchte, so bleibt es dabei, dass es ein waffenloser Krieg ist. Individuum gegen Individuum und Gesellschaft gegen Staat (der nichts weiter sein sollte als der Repräsentant der Gesellschaft). Verkehrssünder werden von der Gesellschaft nicht als Straftäter angesehen, sondern als Märtyrer. Durch jedes unnütze Verkehrszeichen, jede unsinnige Beschränkung und jede Kontrolle an ungefährlichen Stellen steigt die wahrgenommene Rechtfertigung der Verkehrszeichen als Gelddruckmaschine des Staates und es sinkt das empfundene schlechte Gewissen, wenn man sich nicht an die Gesetze hält. Daraus kann man schließen, dass der Staat die Gesellschaft als Gegner betrachtet und sie nicht ernst nimmt – es geht um Macht und das scheinheilige „Es geht um die Sicherheit der Bürger“ ist nur eine Maske.

Raser müssen bestraft werden, aber nicht pauschal die Gesellschaft, weil die erste Forderung an das Verkehrssystem ist und bleibt, dass man so schnell wie möglich von A nach B gelangen kann. Wenn diese Freiheit beschnitten wird, muss es immer einen triftigen Grund geben.

Wir brauchen eine sensibilisierte Gesellschaft, die weiß, dass Verkehrszeichen einzig und allein zu ihrem Schutz existieren und nicht aufgrund von sozialer und psychologischer Inkompetenz und Kriegsführung des Staatsapparates.

Das allein wird allerdings noch nicht das Problem lösen, dass sich gehäuft nicht an die Verkehrsordnung gehalten wird. Das hat weitreichendere Einflüsse als solche, die durch Regeln erfasst werden können. In meinen Augen ist es zu einem großen Teil ein gesellschaftliches Problem und hier vor allem auf sozialer Ebene.

Es beginnt mit dem Image des Autos als Status- und Machtsymbol. Mit geringer PS-Zahl unter der Haube wird man schnell mitleidig von oben herab betrachtet. Warum man aber bei dem heutigen Verkehr 200 PS und mehr braucht, wird nicht hinterfragt. Je mehr Lärm es macht, umso neidischer sind die Blicke. Dabei ist Lärm im Maschinenbau stets ein Zeichen für Ineffizienz. Sei´s drum. Diese Denkweise begünstigt die rücksichtslosere Fahrkultur, aber sie erklärt sie noch nicht. Vielmehr ist es ein psychologisches Problem, welches aus den sozialen Problemen unserer Gesellschaft erwächst. Denn der rücksichtslose oder etwas aggressivere Fahrstil dient als Ventil für Emotionen, die in unserer „harten“ Scheinwelt nicht abgebaut werden können, weil wir sonst als weichlich dargestellt werden. Wir müssen funktionieren und stark erscheinen. Und dabei ist das Autofahren ein hervorragendes Ventil, weil dadurch, dass man sich Anderen gegenüber gleichgültig zeigt oder diese gar unter Druck setzt (drängelt), wird man in unserer Gesellschaft als hart angesehen und dadurch geachtet – auch und vor allem wenn es asozial ist.

Hinzu kommt die zunehmende Kontrolle und Bevormundung durch die Gesellschaft und den Staat. Autofahren ist dabei eine der letzten Bastionen der Selbstbestimmung und PS-Stärke ein als solches empfundenes Freiheitsmaß. Zwar gibt es Regeln, aber in dem Moment in dem man das Gaspedal runterdrückt und eine erschrockene Oma vor einer Kurve überholt, ist man mächtig. Krieg ist Krieg und unser Fahrstil ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft mit ihrem asozialen Verhalten und Regeln, die ihrer selbstwillen da sind, oder weil Beamten diese aus Trotz in die Landschaft pflanzen.

Klimabündnis

In vielen Gemeinden wird man dieser Tage mit einem Klimabündnis-Schild begrüßt und stellt sich die Frage, was außer einem öffentlichen Bekenntnis, das Ganze zu bedeuten hat.
Sicherlich soll es darauf hinweisen, dass Umweltschutz in den Entscheidungen der Gemeinde großgeschrieben wird.
Erstaunlich dabei finde ich einige Kuriositäten, die einem schnell diese Illusion rauben können. Dabei zweifele ich keineswegs an, dass vielerorts versucht wird Energie einzusparen. Manchmal scheint dieses Gedankengut allerdings außenvor zu bleiben.
Ein Beispiel, das ich anführen möchte betrifft den Verkehrssektor in dem unterschiedliche Anforderungen aufeinander stoßen. Grundsätzlich geht es dabei darum schnell und so bequem wie möglich von A nach B kommen zu können. Für ein Individuum ist dies nicht sonderlich schwierig. Umso mehr aber, wenn viele auf unseren Straßen unterwegs sind. Dann müssen wir dafür sorgen, dass der Verkehr möglichst flüssig von statten geht und die Sicherheit der Teilnehmer sowie der Unbeteiligten gewahrt bleibt. Dass der Verkehr für einen Hauptteil unseres Energiekonsums und mehr noch für die Umweltbelastungen verantwortlich ist, sollte den meisten bewusst sein.
Aber was ist, wenn sich Interessen scheinbar entgegen stehen. Was ist, wenn Individualverkehr als Problem angesehen wird und deshalb fließender Verkehr als unwichtig postuliert wird, wie es einige selbsternannten „umweltfreundlichen Politiker“ gern tun. Sollen dann mehr Staus dazu verleiten, weniger Auto zu fahren? Frei nach dem Motto: Wenn Autos länger im Stau stehen, werden weniger Autos benötigt, um die gleichen Umweltbelastungen hervorzurufen. Wollen wir Krieg auf den Straßen, damit man resignierend den Bus nimmt, um nicht am Steuer zu sitzen, wenn man mitten im Stau steckt? So scheint es zumindest von einigen Umweltpolitikern angedacht.
Ein anderer Konfliktbereich ist bei dem Thema Sicherheit zu finden, welche zweifellos durch die zunehmende Verkehrsdichte, aber auch durch eine scheinbar rücksichtslosere Fahrkultur bedroht wird.
Ein generelles Fahrverbot ist nicht realistisch, weil ein zu hoher gesellschaftlicher Nutzen davon abhängt. Das bedeutet folglich auch, dass ein gewisses Risiko für die Sicherheit in Kauf genommen werden muss. Aber natürlich auch, dass im Rahmen des sinnvollen das Sicherheitsrisiko reduziert wird. Auf jeden Fall ist es aber legitim und auch notwendig, dafür Sorge zu tragen, dass die allgemeinen Regeln, die erstellt werden, um einen fließenden und sicheren Verkehr zu ermöglichen, eingehalten werden.
Bei dem Wie scheiden sich allerdings die Geister. Grob kann man unter aktiven und passiven Systemen unterscheiden. Wobei aktiv jene Maßnahmen sind, die Individuen einzeln kontrollieren und bestrafen können, das heißt mobile oder fixe Radarkontrollen.
Passive Systeme meinen jene Maßnahmen, die ohne Mensch oder Technik auskommen. Sie werden einmal errichtet und beeinflussen sodann den Verkehr. Das können Hindernisse, wie etwa Rampen sein, Verengungen oder eine Umlenkung der Fahrspur mittels Verkehrsinseln sein. Sie messen und kontrollieren nichts und sie bremsen auch nicht zwangsläufig den Verkehr, aber sie verleiten den Fahrer dazu sein Tempo zu reduzieren.
Diese drei passiven Systeme werden zunehmend in Dorfeingängen vorgesehen, weil sie dort helfen sollen Raser auszubremsen, sodass sie in einem angemessenen Tempo in das Dorf hineinfahren. Natürlich verhindert es nicht, dass die Autofahrer hinter der Vorrichtung erneut beschleunigen und andere Verkehrsteilnehmer und Anwohner gefährden.
Es geht dabei aber nicht um eine 100 %-ige Sicherheit. Mutwillige Raser wird es nicht in den Dörfern vom zu schnell fahren abhalten. Aber jene Bleifüße, die aus Gewohnheit oder aus Unaufmerksamkeit zu schnell fahren, werden ausgebremst und sie werden verleitet bewusster durch das Dorf zu fahren. Es verringert die Chance, dass sich mit 90 km/h ins Dorf „ausrollen“ gelassen wird.
Hierbei möchte ich zwei Systeme behandeln und aufzeigen, wie schnell Ziele aus den Augen verloren werden, wenn sich auf ein Aspekt konzentriert wird.
Im Bild unten aufgezeigt sich zwei Alternativen zur unbehinderten Dorfeinfahrt. Nämlich eine aufgezwungene Biegung mit einer Begrünung in der Mitte und eine Fahrbahnverengung. Beide Systeme werden als „sicherheitssteigernd“ propagiert, weil sie entschleunigend auf den Verkehr wirken. Als kleine Randnotiz, weil es nicht im Fokus dieses Textes ist, Biegungen wirken immer auf jeden Verkehrsteilnehmer, während Verengungen nur dann Wirkung zeigen, wenn Gegenverkehr da ist. Ist bei der Verengung zu erkennen, dass Gegenverkehr anrollt, besteht gar der Anreiz zu beschleunigen, um der Wartezeit beim Stehenbleiben zu entgehen.
Betrachten wir beides aber nun einmal energetisch. Ziel ist es, dass im Dorf die Verkehrsteilnehmer nicht schneller als circa 50 km/h sind. Biegungen können das systematisch erreichen – Verengungen nicht. Hier muss – und sei es auch nur vorsichtshalber – ein Teilnehmer stehen bleiben und deshalb auf 0 km/h abbremsen, warten und erneut beschleunigen, wenn Gegenverkehr vorherrscht. (Also dann wenn die Maßnahme Wirkung zeigt.) Dieses Abbremsen und Beschleunigen stellt den Mehrverbrauch dar, der der Verengung angelastet werden muss. Die Biegung hat dem gegenüber ein Mehrverbrauch von näherungsweise 0 aufzuweisen, da der Umweg vernachlässigbar klein ist und kein Abbremsen auf unter 50 km/h notwendig ist.

Erstellen wir ein Szenario mit einem Auto:

Gewicht:                             m = 1 200 kg

Zielgeschwindigkeit auf die alle Autos „abgebremst“ werden sollen:

Geschwindigkeit             v = 54 km/h        =             15 m/s

Formel für kinetische Energie (Energie, die in der Bewegung gespeichert ist):

Energie                = ½ * Masse * Geschwindigkeit2

Energie, die ein Auto bei 54 km/h aufgrund seiner Geschwindigkeit gespeichert hat:

Energie                = ½ * 1 200 kg * (15 m/s)2

= 135 000 J

= 0,0375 kWh

Nehmen wir jetzt an, dass am Tag 2 000 Autos durch dieses Dorf fahren und jedes 4. Auto muss stehen bleiben. Dies wiederholt sich 250 Tage im Jahr.

Dann geht beim Bremsen pro Tag 18,75 kWh Bewegungsenergie verloren. Im Jahr sind das 4 687 kWh. Diese Energie muss beim Beschleunigen wieder aufgebaut werden, allerdings hat ein Auto einen Wirkungsgrad von circa 30 %. Also werden 15 625 kWh an Treibstoff benötigt, also 1 783 Liter Benzin pro Jahr. Das entspricht dem Benzinverbrauch eines Autos das 29 800 km fährt und das schlicht wegen eines Planungsfehlers.

In dieser Energieverschwendung ist aber noch vieles nicht berücksichtigt.

Es fehlen:

  • der Treibstoffverbrauch während der Wartezeit
  • der Verschleiß der Bremsen
  • der Verschleiß der Reifen
  • die Unfälle, die zu Materialschaden führen:
    • Energiebedarf der Produktion
    • Treibstoffverbrauch der Abschleppwagen

Und vor allem sind die sozialen Kosten zu berücksichtigen:

  • Erhöhte Gefahr für Passanten in der Nähe der Verengung
  • Erhöhte Gefahr für Fahrradfahrer
  • Gestresste Fahrer (steigern auch anderenorts die Unfallgefahr)
  • Lärmbelästigung der Anrainer wegen unnötigen Bremsvorgängen, Gehupe und Unfällen
  • Feinstaubbelastung durch Reifen- und Bremsabrieb, sowie durch unnötigen Treibstoffverbrauch

Wenn sie also sehen, dass so ein Unfug gebaut wird/wurde, dann wissen sie, dass da einer am Planen war, der von unserem Ziel als Gesellschaft keine Ahnung hat und stur einen Parameter verbessern wollte und dabei kein Interesse für etwas vergeudet, das nicht auf seinem Schreibtisch liegt oder seiner Verantwortung unterliegt. Warum so etwas erlaubt ist, weiß ich nicht, denn es gibt keinen Grund, der dafür spricht Verengungen einer Verkehrsinsel vorzuziehen.

Der falsche Tag

Im Augenwinkel sah er es kommen. Als er realisiert hatte, was geschehen würde, wusste er bereits, dass es unausweichlich war. Sein Griff um das Lenkrad wurde fester. Sein Fuß sprang auf die Bremse.
Seine Schultern zogen sich zusammen. Sein Auto stand und er wartete auf den Knall. Wie verrückt schossen Gedanken durch seinen Kopf. Warum hatte er nicht achtgegeben? Er sah die vorletzte Ampel, die ihn orange-rot vorbei gewunken hatte. Wäre er da stehen geblieben, wäre er nun nicht hier.
Ein lauter Knall ertönte und ein kräftiger Ruck durchfuhr seinen Körper. Sein Auto drehte sich und wurde leicht seitlich gedrückt, während ein schwerer Mittelklassewagen seinen schwarzen Porsche verunstaltete.
Von hinten hörte er eine Hupe lärmen. Ein Unbeteiligter suchte Aufmerksamkeit und musste seinen unnötigen Kommentar abgeben. Dieser Fremde war ihm auf Anhieb unsympathisch. Das zeigte er ihm auch deutlich, als er aus seinem Porsche ausstieg und ihn vorbei wank. Zu dumm, um vorbei zu fahren! Aber Hauptsache Hupen und Glotzen. Obwohl dieser Gaffer stehen blieb und das Fenster runter ließ, ging der Mann auf die andere Seite seines Wagens und betrachtete mit reichlich Unbehagen den Schaden. Doch er konnte nicht viel erkennen. Die dunkelblaue Schnauze des Eindringlings drückte gegen den Motorblock.
Er spürte, dass ihn jemand von hinten anstarrte, und blickte auf.
Eine Frau stand neben ihrem Auto und blickte finster drein.
„Danke der Nachfrage. Mir geht es gut!“
„Gut“, antwortete er und wandte sich seinem Sportwagen zu.
„Gut? Sie denken wohl sie können sich mit ihrem Geld alles kaufen. Sie spinnen doch! Wollen bei voller Fahrt über eine andere Fahrspur hinweg abbiegen und sagen dann, dass alles gut ist?“
„Ist ja nur Blechschaden, das regelt die Versicherung. Für den Rest geht es ihnen gut!“
Ihre Wut kochte hoch, doch sie war so perplex, dass sie ihre Worte nicht geordnet herausbringen konnte.
„Das Gespräch hat für mich den Reiz verloren. Hier meine Karte. Schicken sie mir die Rechnung. Ich kontaktiere meinen Agenten, dass er den Schaden schnellst möglichst begleicht. Danke!“
Er wandte sich ab.
Der Pförtner war inzwischen aus der Bank herbeigeeilt.
„Ah, Herr Günther, gut, dass sie kommen.“ Der Fahrer ging auf den Pförtner zu. Dieser war noch außer Atem und blickte sich irritiert um.
„Füllen sie für mich den Unfallbericht aus.“ Er drückte ihm den Wagenschlüssel in die Hand. „Vielleicht versuchen sie auch den Wagen zu rücken. Er steht etwas ungünstig.“
Die Frau blieb ungläubig stehen und wirkte verwirrt, als der Pförtner die Angelegenheit regeln wollte.
Derweil wartete der Mann auf den Fahrstuhl. Im obersten Geschoss wartete sein aufgeräumter Schreibtisch auf ihn. Er riskierte einen flüchtigen Blick nach draußen, doch von dem Geschehen dort unten war nichts zu sehen. Er schüttelte den Kopf. Ärgerlich war das schon. Er öffnete sein Notebook und feilte an seiner Rede, die er am späten Nachmittag halten würde. Eckdaten glich er mit dem Berichtheft ab, den seine Abteilung angefertigt hatte. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, merkte er, dass seine Änderungswünsche nicht umgesetzt worden waren.
Ungeduldig sprang er auf. Seine Sekretärin war eben eingetroffen und hing ihren Schall um die Jacke am Bügel.
„Guten Morgen Herr Münsner.“
„Morgen.“ Mit zügigen Schritten marschierte er an ihr vorbei.
Er konnte nicht sehen, dass sie die Brauen krauszog. Sie wusste um seine Launen. Und sie wusste, dass heute kein guter Tag war.
„Herr Künbach?!“ Er stürmte hinter der Trennwand hervor. Er blickte sich um, doch dieser war noch nicht da.
Und der will mein Nachfolger werden?, dachte er und drehte auf der Ferse um.
„Frau Rietsche bestellen sie Herrn Künbach zu mir, sobald er gedenkt aufzutauchen.“
Bevor er seinen Tisch erreichte, eilte der Bericht ihm voraus und landete zielgenau neben seinem Laptop. Ihm blieb nur noch Zeit stumm über sich zu fluchen, bevor ein Schäppern ertönte.
„Ach Scheiße!“ Sein Arm machte eine wütende Geste, als die Tasse über den Boden kullerte. Dann wank er ab und stellte sich zur Fensterfront.
Keine Sekunde später stand seine Sekretärin im Raum. Sie sah, was geschehen war, und wischte den Kaffee auf. Frau Rietsche war seit sieben Jahren seine Sekretärin. Sie wusste, was die Stunde geschlagen hatte, und sah ihn eine Weile an, während er bewegungslos vor dem Fenster stand. Nun war es auch fast schon vier Jahre her, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Sie wusste warum. Sie empfand Mitleid und ließ ihn allein.
Um Viertel nach acht tauchte Herr Künbach auf. Er war Mitte vierzig. Seine breiten Schultern unterstützten sein selbstbewusstes Auftreten. Als er am Sekretariat vorbei schritt, fing Frau Rietsche ihn ab und flüsterte ihm schnell etwas zu, drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand und wünschte ihm viel Glück.
Er klopfte gegen die geöffnete Glastür und trat vor den Schreibtisch seines Vorgesetzten. Er wartete, bis dieser ihm Aufmerksamkeit schenken wollte und von seinen Unterlagen aufschaute.
„Herr Künbach!“ Die Stimme klang donnernd.
„Herr Münsner, Frau Rietsche bat mich, ihren Kaffee mitzubringen.“
„Sicher“, ein Zucken umspielte seine Lippen. „Mit Kaffee bringen allein verdienen sie sich aber nicht meinen Stuhl.“
Herr Künbach nickte zustimmend, ließ sich aber davon nicht beeindrucken.
Seine Beförderung war beschlossene Sache und Herr Münsner war daran nicht ganz unbeteiligt, wie er aus anderen Kreisen vernommen hatte. Herr Münsner hatte es geschafft innerhalb kürzester Zeit einige beachtliche Karrieresprünge hinzulegen. Meistens war er der Erste, der kam und nicht selten begegnete er dem Nachtwächter, wenn er ging oder ließ sich von diesem das bestellte Essen bringen, wenn er die Nacht über im Büro blieb. Das Sicherheitsprotokoll verbot den Lieferdiensten, die oberen fünf Etagen zu betreten. Das war eine der vielen Regeln, die er selbst eingeführt hatte. Datensicherheit und Effektivität waren seine größten Sorgen. Er hatte dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Dabei war er selbstverständlich auf reichlich Widerstand gestoßen. Doch die meisten seiner Widersacher arbeiteten heute bei Mitbewerbern. Wer klug war, hatte sich auf seine Seite gestellt und ist in seinem Sog die Karriereleiter raufgefallen.
Herr Künbach war einer davon.
„Sie kommen spät!“
„Verzeihen sie der Verkehr hatte heute gestaut.“
„Dann fahren sie Bus, wenn sie nicht Autofahren können!“
Herr Künbach schluckte seine Antwort hinunter.
„Sie haben noch die Notizen zum Bericht?“ Herr Münsner legte den Bericht so, dass Herr Künbach ihn erkennen konnte, und passte auf, den Kaffee diesmal nicht zu treffen.
Künbach nickte. Er hatte gelernt, dass sein Gegenüber in dieser Stimmung auf jedes Wort allergisch reagieren konnte.
„Dann sorgen sie dafür, dass sie auch eingearbeitet werden. Bis spätestens 14 Uhr liegen 20 Exemplare eines makellosen Berichtes auf meinem Schreibtisch!“
Diesmal musste Herr Künbach schlucken. Er wusste, dass es nicht sein Fehler gewesen war. Eine Ausrede, sei sie noch so begründet, würde ihm nur eine Schlinge um den Hals legen.
Er nickte, nahm den Bericht und ging einige Schritte rückwärts.
Herr Münsner wandte sich seinen Unterlagen zu. Herr Künbach war heilfroh den Raum verlassen zu können.
„Und Herr Künbach?“
Der Gerufene kniff die Augen zu, drehte sich dann aber seitlich.
„Und bringen sie sich ein Exemplar mit. Ich möchte sie dabei haben, wenn ich denen sage, dass sie ab nächster Woche dieses Projekt übernehmen.“
Herr Künbach nickte abermals und beeilte sich hinaus zu können.
Wenig später stand unangekündigt eine Person im Türrahmen.
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“ Er ließ sich nicht herab, von seiner Arbeit abzulassen und markierte eine wichtige Passage.
„Verzeihen sie.“
Diese Stimme hatte Herr Münsner noch nie im Büro vernommen und so blickte er doch auf und erkannte den Pförtner, der unbeholfen da stand.
„Wenden sie sich an meine Sekretärin. Wieso glauben sie wohl bezahle ich die?“
„Verzeihen sie.“ Der Pförtner wünschte sich in Luft aufzulösen und suchte vergebens nach Worten.
Herr Münsner wollte so wenig Zeit wie möglich verlieren und wank ihn hinein. Je schneller dieser sagte, was er wollte, je schneller war er wieder weg.
„Verzeihen sie, ich habe mir erlaubt die“ er schaute kurz aus dem Fenster. „Angelegenheit selbst zu regeln. Ich wollte so wenig wie möglich Aufsehen erregen.“ Er nickte in Richtung Sekretariat.
Herr Münsner lachte erfreut.
„Mal einer, der mitdenkt!“ Herr Münsner stand auf und ging auf den Pförtner zu. „Und?“
„Und der Wagen ist in der Werkstatt.“
Herr Münsner nahm die Visitenkarte, die der Pförtner ihm reichte.
„Ein angemessenes Ersatzauto können sie erst gegen 15 Uhr vorbei bringen.“
„Danke, ich rufe selbst da an und spreche das mit denen ab.“ Er steckte dem Pförtner 50 Euro zu und komplimentierte ihn mit einer Geste hinaus.
Der Pförtner hatte ihm ermöglicht der Blöße zu entgehen und so wollte er die Gelegenheit nutzen und rief sogleich die Werkstatt an, sie sollten ihm das Auto nach Hause bringen und den Schlüssel durch den Briefschlitz in der Tür schieben.
Daraufhin kreisten seine Gedanken um wichtigere Dinge. Der Morgen und der Nachmittag verflogen so ereignislos, wie an jedem anderen Tag auch. Er ärgerte sich und ärgerte sich, dass er sich ärgerte und seine einzige flüchtige Freude war, dass er alle dazu brachte, mehr oder weniger zu spuren.
Die Hektik, die ihn in dieser Woche beflügelte, genoss er in vollen Zügen. Sehr zum Leidwesen aller, die ihn an diesem Tag zu sehen oder zu hören bekamen.
Es war spät am Abend, als er aus dem Fahrstuhl in die Tiefgarage trat. Diese war zu dieser Stund fast leer und erst da wurde ihm wieder bewusst, dass sein Wagen heute nicht auf ihn warten würde.
Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und nahm der Seitenausgang aus der Tiefgarage.
Ein kühler Wind empfing ihn, als er auf den menschenleeren Bürgersteig trat. Dann würde er eben ein Taxi nehmen. Doch dazu war er auf der falschen Seite der Bank. Er ging in Richtung Taxistand, verlor dann aber die Lust, so früh zu Hause zu sein. Eigentlich, so dachte er, würde die frische Luft ihm auch einmal gut tun. Er überquerte die breite Straße und war nach wenigen Hundert Schritten im Stadtpark. Dieser würde ihn mit einigen Unterbrechungen und einem kleinen Umweg nach Hause führen.
Dass er den ersten Teil bereits hinter sich hatte, wurde ihm bewusst, als er eine weitere Hauptstraße überquert hatte und den nächsten Wald betrat.
Sein Tempo zeigte die gleiche Ungeduld, die er auch im Büro an den Tag legte.
Als er auf seine massive Armbanduhr sah, erklärte diese ihm, dass er mit dem Taxi kaum schneller gewesen wäre. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihn dieser Umstand an diesem Tag nicht beruhigen.
Deshalb tat er, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Er wollte sich zwingen seine Umgebung zu genießen. Und tatsächlich, er hörte fremd gewordene Geräusche. Das Rufen eines Vogels, ein Rascheln eines Tieres. Er betrachtete die dicken Stämme der Bäume und war selbst verwundert, dass er dabei nicht als Erstes an den Deal mit den Südamerikanern gedacht hatte. Seine Gangart änderte sich aber nicht.
Erst als sein Fuß gegen etwas stieß und ein weicher Gegenstand leicht vom Boden abhob und fast geräuschlos vor ihm landete verharrte er. Unentschlossen schaute er im Dunkeln auf den Pfad vor sich, wo sich undeutliche Konturen emporhoben. Er bückte sich und hob einen verloren gegangenen Teddybär auf. Dieser war kuschelig weich. Durch die Abendkühle war er leicht feucht geworden, doch lange hatte er noch nicht hier gelegen. Der Mann hielt ihn mit beiden Händen vor sich und betrachtete ihn.
Plötzlich wurde ihm bewusst, was er tat und so setzte er den Teddy am Wegesrand ab und ging weiter. Nach vier Schritten blieb er stehen. Er drehte sich um und sah hinunter zum Bär, der nach vorne gekippt war.
Der Mann kehrte um und nahm das Kuscheltier auf den Arm.
Wieder ging er weiter, aber diesmal viel langsamer. Er wusste er würde den Teddybär nicht mitnehmen können. Er ging bis zur nächsten Bank und setzte sich hin. Er drückte den Teddy fest gegen seine Brust. Welches Mädchen mochte den verloren haben? Er wusste, wie traurig es nun sein würde. Tränen rannen seine Wangen runter. Er hatte auch eine Tochter. Er hielt den Teddybär eine Weile fest.
Dann setzte er ihn vorsichtig neben sich auf die Bank. Er stand auf und ging. Er ließ den Teddybär zurück. Nur seine Tränen nahm er mit. Auch seine Trauer begleitete ihn. So wie seine Gedanken an seine Tochter. An diesem Tag war es vier Jahre her, dass sie gestorben war. Giftige Beeren.

Bewusstes Leben

Eine der größten Herausforderungen beim bewussten Leben ist jene Frage, die die Philosophie seit jeher herumtreibt. Warum leben wir? Gibt es einen Sinn? Und falls nicht, was wollen wir eigentlich vom Leben? Die Schwierigkeit dieser Fragen besteht darin, dass es keine adäquate Antwort gibt. Der Sinn oder Unsinn des Lebens ist eine persönliche Entscheidung und Wahrnehmung. Bewusstes Leben meint in diesem Sinne eigentlich nur, all das wahrzunehmen, was uns wichtig ist und zu wissen, was für uns von Bedeutung ist.
Macht es Sinn das Zimmer aufzuräumen? Eine Diskussion, die unzählige Mütter mit ihren Kindern führen, geführt haben und führen werden. Naturwissenschaftlich betrachtet ist das, was wir oftmals als Ordnung bezeichnen völliger Unfug, denn Ordnung wahren bedeutet einen nicht aufrecht zu haltenden Zustand unter Aufwendung von Energie versuchen aufrecht zu halten. Der Grund, warum Kinder ihre Zimmer aufräumen, liegt nicht darin, dass sie darin einen Sinn sehen. Wenn sie es tun, so fügen sie sich den Eltern und irgendwann wird es zur Gewohnheit – oder eben nicht. Irgendwann hinterfragen wir den Sinn nicht mehr. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ebenso funktioniert sein Verständnis. Dem Wort des Selbstverständnisses wohnt für mich eine – in meinen Augen belustigende – Wortinterpretation inne. Denn Selbstverständnis bedeutet, dass der Verstand nicht länger an der Gedankenführung beteiligt ist. Wir hinterfragen nicht, was wir für selbstverständlich halten. Geburt – Schule – Job – Haus und Auto – Hochzeit – Kinder – Tod. Wer schreibt unsere Geschichte? Sind wir es selbst oder haben wir Co-Autoren, die wir, dankbar für ihre Unterstützung, gewähren lassen. Sind wir mündig, wenn wir entscheiden, was wir wollen oder wollen wir, was Andere wollen? Sind wir wie Kinder, die sich um einen Ball streiten, dem sie zuvor keine Beachtung geschenkt haben, und jetzt begehren, weil ein Anderer damit spielt? Wen beeindrucken wir, wenn wir ein atemberaubendes Auto kaufen? Vielleicht uns selbst, weil es uns zeigt, dass wir etwas erreicht haben. Doch was ist etwas? Ein Schein? Oder soll es unser Sein sein?
Konsum ist etwas, das uns alle prägt, bewusst oder unbewusst. Es ist eine Größe, die vergleichbar ist und gleichsam einem aufgeräumten Zimmer nicht ganz unähnlich ist. „Räum dein Zimmer auf, stell dir vor es klingelt an der Tür und einer sieht deine Unordnung.“ Wie viel von unserem Konsum gilt den Anderen und wie viel konsumieren wir, weil wir es wollen? Warum verteidigen wir uns, wenn wir etwas kaufen, warum rechtfertigen wir uns, wenn wir etwas nicht kaufen und warum glauben wir etwas haben zu müssen? Warum müssen wir es zeigen, warum wollen wir verglichen werden und am Konsum gemessen werden? Haben wir kein Selbstvertrauen unseren Sinn zu definieren und anzustreben?
Sind es unsere Entscheidungen oder ist es unser Selbstverständnis, welches unseres Verstandes nicht bedarf?